Könntet Ihr Euch zunächst kurz vorstellen und uns berichten, wie Ihr unter „normalen Bedingungen“ arbeitet.

  • Denise: Ich arbeite für verschiedene Figurentheater und dabei mache ich unterschiedliche Sachen. Ich stelle Figuren, Kulissen und Kostüme her. Oft fahre ich in die Theater und baue sie direkt in den Werkstätten vor Ort. Das ist deshalb besser, weil ich so unmittelbar mitbekomme, ob der/die Puppenspieler*in auch mit der Figur umgehen kann. Die Figuren müssen also nicht hin- und hergeschickt werden. Und Bühnenbilder, Requisiten und Kostüme lassen sich auch besser direkt vor Ort anfertigen. Von 2014 bis 2018 habe ich zusammen mit einer Kollegin ein Stück aufgeführt und war damit auf Tournee. Ich war also viel unterwegs. Die meisten Aufträge sind jetzt natürlich weggefallen. Es gibt noch ein paar Aufträge hier in Berlin. Klaus und ich sind regelmäßig schon früh hier im Atelier studio R31 und arbeiten bis abends an unseren Projekten. Manchmal baue ich hier Bühnenbilder, sodass sich der Raum immer wieder verändert. Gelegentlich machen wir hier auch Ausstellungen und räumen entsprechend alles um. Das ist in diesem Jahr natürlich alles weggefallen.
  • Klaus: Nicht zu vergessen, dass wir auch mit einer Kollegin an einem neuen Format gearbeitet haben. Eine Kombination aus der Projektion von Schattentheater und live malen am Overheadprojektor mit musikalischer Begleitung am E-Piano. Leider konnten wir die Arbeit am Stück in diesem Jahr nicht weiterentwickeln.
  • Denise: Das ist auch deshalb so schade, weil wir uns gerade ein bisschen von unseren Aufträgen emanzipiert haben und angefangen haben, selber Stücke zu entwickeln. Aber wir haben die Zeit dieses Jahr auch genutzt, um uns fortzubilden. Wir haben zum Beispiel an einem Experimentalfilm-Workshop teilgenommen. Wir versuchen einfach, die Zeit so gut es geht zu nutzen.
  • Klaus: Und dann haben wir ja auch beide noch ein zweites Standbein. Denise gibt Workshops für Kinder und Jugendliche und ich arbeite für den Verband deutscher Puppentheater e.V. in der Geschäftsstelle.

Und Workshoparbeit war möglich?

  • Denise: Ja, nach den Sommerferien. Natürlich in kleineren Gruppen und unter schwierigeren Bedingungen. Für die Kinder war es schwer, Masken zu tragen und die gebotenen Abstände einzuhalten. Das ist schon sehr anstrengend.
  • Klaus: Eigentlich wäre auch mehr möglich gewesen, weil die Workshops ja keine Unterhaltung sind, sondern Bildung.

Habt Ihr denn Förderung bekommen?

  • Klaus: Ja, wir haben im Frühjahr eine Corona-Soforthilfe erhalten, nachdem alle Kultur- und Bildungseinrichtungen geschlossen worden sind. Und Denise hat das Glück gehabt, eines von 2000 Sonderstipendien des Berliner Senats zu bekommen, mit denen Berliner Künstler*innen unterstützt werden.
  • Denise: Ja, darüber habe ich mich sehr gefreut. Das ist toll, weil wir so an dem Stück weiterarbeiten können und ich auch weiterhin Lichtobjekte bauen kann. Das kann ich jetzt das nächste halbe Jahr noch machen, da die Miete und Versicherungen bezahlt sind. Andere aktuelle Hilfen können wir als indirekt Betroffene leider nicht in Anspruch nehmen, weil dafür mehr als 80% unserer Einnahmen wegfallen müssten.
  • Klaus: Da gibt es eine ganze Reihe von Vorgaben, die erfüllt sein müssen und es ist schon schwierig, sich da zurechtzufinden.

Und könnt Ihr den Raum hier überhaupt noch finanzieren?

  • Denise: Da müssen wir jetzt auch umdenken. Diesen Raum hier wollen wir als multifunktionalen Raum erhalten. Wir werden aber einen Atelierraum im hinteren Teil untervermieten. Zum Glück ist unsere Wohnung groß genug, dass ich jetzt zuhause ein Zimmer ausräumen und zum Atelier umwandeln werde. Aber das ist auch ok.
    Und ich finde es auch nicht schlimm, dass noch ein anderer Künstler, der dringend einen Raum gesucht hat, hier unterkommt. Das ist dann nochmal eine andere Form von Austausch.

Die Bilder, die hier hängen sind von Euch? Der Raum ist also nicht nur Atelier sondern auch Galerie?

  • Denise: Ja, die textilen Bilder sind von mir, die Fotos von Klaus. Zu bestimmten Gelegen-heiten, wie zum Beispiel „48 Stunden Neukölln“ bauen wir hier alles zu einem offenen Atelier um. Und tatsächlich verkaufen wir manchmal auch was.

Habt Ihr schon eine Vorstellung, wie es weitergehen kann, wenn die Beschränkungen zumindest im ersten Halbjahr 2021 weiterbestehen? Gibt es neue Konzepte?

  • Denise: Also ich befürchte ja, es geht noch zwei Jahre so weiter. Es wird sicher dauern, bis alle geimpft sind und die Theater wieder den normalen Betrieb aufnehmen können. Unsere Auftragslage ist natürlich davon abhängig. Die geförderten Theater machen jetzt sehr viel mehr selbst und vergeben weniger Aufträge an Freischaffende, was verständlich ist. Ich sehe die Zukunft dann doch auch im Digitalen. Die neue entdeckte Leidenschaft für Trickfilme und Experimentalfilme finde ich grundsätzlich toll. Das kommt uns insofern entgegen, weil das ohnehin Teil unserer künstlerischen Arbeit ist. Die Frage ist, wie man damit Geld verdienen kann. Wir sind jetzt noch bis Juni finanziert. Was danach wird ist vollkommen offen.

Habt Ihr schon versucht, neue digitale Formate zu entwickeln?

  • Klaus: Im Trickfilmbereich, ja. Aber Kunst im Internet zu präsentieren ist eine große technische Herausforderung. Um das wirklich gut zu machen, dazu fehlt häufig das Equipment. Streaming ist natürlich eine Möglichkeit, kann aber das Live-Erlebnis nicht ersetzen.
  • Denise: Das Gute an der Situation gerade ist, dass wirklich Zeit da ist, was auszuprobieren. Ich bin so dankbar für das Stipendium. Sonst bin ich oft innerlich zerrissen zwischen den Auftragsarbeiten und den eigenen Projekten. Jetzt kann ich mich damit auseinandersetzen, was mir wirklich wichtig ist.

Wie ist es denn mit dem Austausch mit anderen Künstler*innen in den letzten Monaten?

  • Denise: Das ist interessant. Wir haben relativ wenig Kontakt zu anderen Künstler*innen. Das betrifft auch diejenigen, mit denen wir vorher in engem Austausch standen. Ich sehe das aber nicht unbedingt negativ. Ich habe das Gefühl, dass sich zurzeit alle mehr auf sich selbst besinnen. Und sicher geht es den meisten so wie uns, und sie sind viel mit Organi-satorischem beschäftigt.
  • Klaus: Und es gibt eben auch einige, die einen zweiten Beruf haben und damit gerade ihr Geld verdienen müssen. Das ist auch das Problem, wenn man sich arbeitslos melden muss. Wenn man nämlich noch einen anderen Beruf hat, muss man sich in diesem Bereich eine Stelle suchen.
  • Denise: Ich muss nochmal sagen, was für eine Erleichterung es ist, über das Stipendium ein halbes Jahr abgesichert zu sein. Das wurde ausgelost und ist keine Eliteförderung. Sehr sympathisch. Ich verstehe nicht, warum Künstler*innen kein Grundeinkommen bekommen. Sie sind ja bei der Künstlersozialkasse versichert und es ist auch relativ klar, welche Sparten von den Einschränkungen betroffen sind. Beim Jobcenter sind Künstler*innen wirklich fehl am Platz.
  • Klaus: Wir stellen gerade Projektanträge für das kommende Jahr und hoffen sehr, dass wir dann auch wieder Aufträge bekommen.

Es ist schon angeklungen, dass die Situation auch Positives mit sich bringt. Zum Beispiel mehr Zeit, sich zu besinnen. Gibt es da noch andere Aspekte?

  • Klaus: Im nachbarschaftlichen Bereich gab es viel Austausch. Die Hausgemeinschaft ist sich in diesem Jahr nähergekommen.
  • Denise: Für mich ist auch positiv, dass wir mehr Zeit zuhause verbringen und endlich dazu gekommen sind, mal zu renovieren.
  • Klaus: Ich finde gut, dass man durch den äußeren Druck den Impuls bekommt, was zu verändern. Obwohl wir als freischaffende Dienstleister keine gleichbleibende Alltagsroutine haben, gibt es normalerweise doch einen bestimmten Trott. Ein Perspektivwechsel ist da gar nicht so schlecht.
  • Denise: Ich begrüße Veränderungen grundsätzlich. Natürlich gibt es eine Menge Sachen, über die man sich ärgern oder über die man traurig sein kann, aber das bringt ja nichts. Dadurch mache ich mich nur selber traurig. Ich glaube, diese Energie in Kreativität umzuwandeln, ist genau das, was wir schon seit Jahrzehnten machen. Und das ist es auch, warum wir so leidenschaftliche Künstler*innen sind, weil wir das können. Das, was da draußen passiert, das, was uns angeht in kreativen Ausdruck umzuwandeln. Dieser Ort, die R31 war ja auch schon immer eher ein Gesamtkunstprojekt als eine Galerie. Wir wollen auch zeigen, dass es eine Menge Leute gibt, die richtig gute Sachen machen und gar nicht in den Kulturbetrieb reinkommen. Das sichtbar zu machen ist uns ein Anliegen. Es geht uns darum, das, was wir empfinden irgendwie auszudrücken, nicht depressiv zu werden und am Horizont den Hoffnungsschimmer zu sehen. Künstler*innen sind ja auch unter normalen Bedingungen immer in diesem Modus, mit Unsicherheiten leben zu müssen und etwas daraus zu machen. Was in unserem Fall auch von Vorteil ist, ist dass wir das alles miteinander teilen, weil wir seit 28 Jahren zusammen leben und arbeiten.

 

Das ist ein sehr schönes Schlusswort. Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für das kommende Jahr!